Frei-Weinheim

Schon früh war das Rheinufer im Ingelheimer Raum besiedelt. Der große Strom bot im Gegensatz zu dem schlecht ausgebauten Straßennetz günstige Transport- und Reisemöglichkeiten.
Wahrscheinlich nutzten schon die Römer das Mündungsgebiet der Selz als Ladestelle für ihre hölzernen Plattbodenschiffe. An den Ufern von Rhein und Selz standen römische Gutshöfe, auf denen Ackerbau und Viehzucht betrieben wurde.
Nach der fränkischen Landnahme im 5. Jahrhundert fanden sich in der Ingelheimer Gemarkung zahlreiche Herrenhöfe mit den zugehörigen Anwesen von Minderfreien. Im Nordosten des Siedlungsgebietes ließ Karl der Große seine Pfalz errichten.
Etwa zur gleichen Zeit entstand nahe dem Rhein ein weiterer fränkischer Siedlungskern. Er lag auf einer kleinen inselartigen Erhöhung direkt im Überschwemmungsbereich. Die Wahl des Platzes erfolgte sicher nicht nach landwirtschaftlichen Gesichtspunkten, da in einem Überschwemmungsgebiet nicht an geregelten Ackerbau gedacht werden konnte. Hauptaugenmerk legten die fränkischen Siedler wohl auf die nahe Selzmündung in den Rhein.

Zum historischen Rundgang durch Frei-Weinheim

Hafen
Ein Hafen nach den heutigen Vorstellungen gab es damals natürlich nicht. Erst beim genaueren Hinsehen wird man bei Frei-Weinheim einen Hafen im Sinne eine Umschlags- und Marktplatzes erkannt haben. Für die Häfen dieser Zeit nutzte man die natürlichen Gegebenheiten, künstliche Hafenbauten existierten vor 1200 kaum.
Die Einmündung der Selz in den Rhein - sie lag bis in die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts dort, wo heute das Hafengelände zu finden ist - bot in fränkischer Zeit ideale Voraussetzungen für einen Hafen. An dieser Stelle schüttete die Selz in den Untergrund des Rheins Schuttkegel aus, auf deren Kiesflächen die Boote durch Auflaufen gut landen konnten. Die Schiffer standen beim Aussteigen sofort auf festem Boden. Zudem bildete die Bachmündung den Booten einen guten Schutz gegen die Strömungen der großen Gewässer.
Die kleine Hafenanlage diente der Ingelheimer Königspfalz vornehmlich als Umschlagplatz für Güter, aber auch als Anlegestelle für Besucher, die in der Pfalz weilten. Noch heute zeugt der Flurname "Im Fahr" von der Bedeutung des Weilers als Hafen.

Zur Geschichte des Frei-Weinheimer Hafens


Modell eines Plattbodenschiffs
Mit Plattbodenschiffen landeten Schiffer und Händler
im Frei-Weinheimer Hafen an. Foto: Steinbauer

Weiler mit besonderen Rechten
Die besondere Bedeutung des Hafens für den Ingelheimer Fiskalbezirk spiegelte sich auch in der rechtlichen Stellung seiner Bewohner im Mittelalter wieder. Sie waren einerseits von vielen Abgaben befreit, anderseits oblagen ihnen viele Pflichten. So mussten sie im Kriegsfalle für Truppentransporte auf dem Rhein zur Verfügung stehen und die Hafenanlage und den damals schon vorhandene Leinpfad in einem ordungsgemäßen Zustand halten. Sie waren verpflichtet, anfallende Schifffahrtsaufgaben wahrzunehmen. Es mussten immer genügend Schiffer zur Verfügung stehen, die mit den Gefahren des Rheines ausreichend vertraut waren, damit herrschaftlicher Besuch aus der Königspfalz gefahrlos reisen konnte. Und in ihren Händen lag die Belieferung der Königspfalz mit allen Gütern, die per Schiff Ingelheim erreichten. Im Jahre 1493 wurde dem Weiler sogar vom Kurfürsten von der Pfalz das Marktprivileg ausgestellt und der Name Frei-Weinheim verliehen.

Ländliches Gepräge
Zwar spielte die kleinen Siedlung am Rhein eine große Rolle im Rheinhandel, aber sie unterschied sich in ihrer Organisation und Sozialstruktur nicht wesentlich von anderen ländlichen Siedlungen der Franken. Sie bestand aus einem Herrenhof und einigen Anwesen von Minderfreien. In den Händen der Minderfreien lag wohl die Schifferdienste. Darauf lassen 13 der insgesamt 14 Grabfunde schließen. Ihnen wurden die üblichen fränkischen Grabbeilagen zugefügt. Nichts in den Beigaben weißt auf die Beschäftigung mit Schiffen hin.

Besondere Grabfunde

Naben den 13 gewöhnlichen Gräber auf dem Frei-Weinheimer Gräberfeld ragt eines ob seiner reichhaltigen Beilagen besonders hervor. Es ist das Grab einer um 600 bestatteten Frau, die einer wohlhabenderen Oberschicht zuzurechnen ist. Ihrem Grab liegt u. a. eine kleine Geldwaage bei, die neben einem gewissen Reichtum auch auf eine aktive Teilnahme am Rheinhandel schließen läßt. Wahrscheinlich gehörte diese Dame einer höhergestellten Familie an, die eventuell für die Verwaltung eines Gutshofes oder mit der Wahrnehmung von Schiffahrtsaufgaben betraut war.
Interessant ist auch der Fund eines Brandgrabes, das völlig aus der Gestaltung fränkischer Körpergräber herausfällt. Es handelt sich um ein Brandgrab. Die Asche wurde in einem Tongefäß beigesetzt, das aus der Nähe von Köln stammt. Der Brauch der Brandgrabbestattung war im 8. und 9. Jahrhundert nur noch in Friesland und Sachsen verbreitet. Vermutlich ist in diesem Grab ein friesischer Händler bestattet worden. Die friesischen Händler fuhren mit ihren Schiffen bis nach Mainz und Worms. Dort tauschten sie friesische Tuche gegen Rheinwein, den sie bis nach England und Skandinavien verschifften. Vielleicht hatte sich in Frei-Weinheim eine kleine Friesenkolonie angesiedelt, denn diese Art der Bstattung setzt noch mehr Friesen voraus, die den in hiesigen Raum nicht mehr gebräuchlichen Bestattungsritus ausübten.

Hafen und Weiler im Wandel der Zeit
Auch nach Ludwig dem Frommen spielte die Ingelheimer Pfalz noch lange Zeit eine bedeutende Rolle. Viele Herrscher und Gesandte reisten per Schiff an. Im Jahre 1743 kam selbst der pfälzische Kurfürst Karl Theodor zu seinem Huldigungsbesuch noch per Schiff in den Ingelheimer Grund. Der Frei-Weinheimer Hafen behielt seine Bedeutung über Jahrhunderte bei.
Für die Versorgung des Ingelheimer Grundes liefen enorm viele Güter über den kleinen Hafen. Daher ist anzunehmen, dass er im Laufe der Jahrhunderte weiter ausgebaut wurde. Seit dem Spätmittelalter hat es auch in Frei-Weinheim eine technische Einrichtung zum Be- und Entladen von Schiffen, einen Kran, gegeben. Der Kran war eine wichtige Einrichtung auf dem Hafen. Für ihn war eigens ein Kranmeister bestellt. Er hatte Sorge zu tragen, dass der Lastenträger immer betriebsfähig blieb. Im Kran waren Kranknechte beschäftigt. Sie sorgten durch das Drehen riesiger Laufräder dafür, dass der Kran in die gewünschte Richtung gelenkt wurde.
Wichtige Transportgüter waren Wein und Holz. Im holzarmen Rheinhessen landete Holz aus dem Schwarzwald in Form riesiger Flösse an.
Zwar hat der Frei-Weinheimer Hafen heute an Bedeutung verloren, aber noch immer spielt er eine Rolle beim Umschlag von Gütern.

Autorin: Pia Steinbauer (entnommen einer Ausstellung im "Museum bei der Kaiserpfalz" im Rahmen des rheinland-pfälzischen Kultursommers 2001 unter dem Motto "Stadt, Land, Fluss")


©Pia Steinbauer