Natalie von Harder

* 1804 St. Petersburg … 1882 Frankfurt am Main

Natalie von Harder wurde 1804 in St. Petersburg als einzige Tochter des vermögenden Kaufmanns und Bankiers Ludwig Stieglitz geboren. Um 1824 heiratete sie nach dem Willen ihres Vaters den königlich niederländischen Generalkonsul in St. Petersburg, John David von Harder. Die Tatsache, dass er das gleiche Amt später in Frankfurt am Main inne hatte, mag einer der Gründe dafür sein, weshalb die von Harders sich nach einigen Petersburger Jahren vorwiegend im Mittelrheingebiet aufhielten. Natalie, die offenbar den Geschäftssinn ihres Vaters geerbt hatte, verfügte selbständig über ein beträchtliches Vermögen. Man unterhielt Häuser in Frankfurt und Wiesbaden und führte an beiden Orten einen aufwendigen Haushalt. Als sich die Gelegenheit bot, in Nieder-Ingelheim Haus und Grund zu erwerben, richtete man sich zusätzlich im Gebiet der ehemaligen Kaiserpfalz einen Sommer-Wohnsitz ein, der Zug um Zug vergrößert wurde. Der baltische Edelmann Gustav Johann Freiherr von Mengden, vermutlich ein Bekannter der von Harders, war aus Geldnot 1855 gezwungen, seinen Ingelheimer Besitz zu veräußern. So konnten sie den ganzen westlichen Teil des historischen Pfalzbezirks erwerben und zu einem noblen Landsitz mit Park ausgestalten, der heute nicht mehr vorhanden ist. Natalie von Harder empfand, am Vorbild ihres verehrten Vaters orientiert, ihren Reichtum stets als Verpflichtung vor Gott, sich der Notleidenden tatkräftig anzunehmen. Die Bewältigung von Krankheit und Invalidität waren im damaligen Gesellschaftssystem noch nicht gesetzlich geregelt. So gab es für private Wohltätigkeits-Initiativen ein weites Betätigungsfeld. Als 1858 die Gemeinde Nieder-Ingelheim ein dreistöckiges Wohnhaus im Heidesheimer Weg aus Mitteln des Hospitalfonds ankaufte, unterstützte Natalie von Harder das Vorhaben finanziell und organisatorisch so maßgeblich, dass man sie als Gründerin dieses Ludwigstifts (nach Großherzog Ludwig III. von Hessen) bezeichnen kann. Es umfasste eine Unterkunft für Alte und Pflegebedürftige sowie eine Kinderbewahranstalt. In zwei Kriegen diente es außerdem als Lazarett. 1999 wurde das Gebäude abgetragen, um einem Neubau Platz zu machen. Nach dem Tode ihres Mannes verließ Frau von Harder Ingelheim und lebte in Frankfurt, wo sie 1882 verstarb. Bei der Verheiratung ihrer Kin-der hatte sie zuvor zielstrebig die Verbindung zu alten Adelsgeschlechtern gesucht und verwirklicht. So tragen ihre Nachfahren heute die Namen alter baltischer Adelsfamilien. In Ingelheim erinnert nur noch eine Straßenbezeichnung daran, dass die einstige Wohltäterin mit ihrem Mann in diesem Bereich ein prachtvolles Anwesen besessen hat.

Autorin: Margarete Köhler (entnommen dem Heft "2000 Jahre Ingelheim im Spiegel der Kunst - von den Römern bis zur Gegenwart")

Literatur:
Maydell, B. v.: Begegnung mit Natalie von Harder auf einem Bilde in Ingelheim. In: HJb 1962, S. 70-72
Emmerling, E.: Natalie von Harder. In: BIG 17, 1967, S. 110-111
Burger, A.: Vom "Ludwigstift" und "Waisenhaus" zum Stadtkrankenhaus. In: BIG 18, 1968, S. 10-15
Henn, K. H.: Ingelheim auf dem Weg in das 20. Jahrhundert. In: Ingelheim am Rhein 774-1974, S. 77-86

©Pia Steinbauer