Dr. Martin Mohr

* 1788 Warmsroth … 1865 Ingelheim

Der in einem bäuerlichen Elternhaus aufgewachsene Martin Mohr erhielt eine Ausbildung als Notariatsschreiber. Nachdem er diesen Beruf einige Jahre ausgeübt hatte, konnte er sich als Gerichtsschreiber am Friedensgericht Stromberg etablieren. Ins wehrfähige Alter gelangt, diente er in der napoleonischen Armee und erwarb schließlich sogar das Offizierspatent. Die frühe, wohl durch den Beruf bedingte Berührung mit französischen Struktur- und Rechtsreformen im Rheinland muss sein gesellschaftspolitisches Bewusstsein sensibilisiert und nachhaltig geprägt haben. Etwa sechsundzwanzigjährig nahm er ein Studium der Rechte auf und trat nach Staatsexamen und Promotion in den hessischen Justizdienst ein. Es spricht für seine berufliche Qualifikation, dass er mit 41 Jahren zum Vizepräsidenten des Kreisgerichtes in Mainz ernannt wurde. Für einen überzeugten Verfechter der Ideale "Freiheit, Gleichheit und Volkssouveränität" und der in der Franzosenzeit erprobten "rheinischen Institutionen" war der Konflikt jedoch unvermeidbar, als die hessische Regierung einen restaurativen Kurs einzuschlagen begann. Seine unbedingte Verfassungstreue gereichte Dr. Mohr auch bald zum Verhängnis. Bereits 1833 versetzte ihn sein Dienstherr in den Ruhestand, weil er nicht hinnehmen wollte, dass Mohr eine ministerielle Verordnung wegen Verfassungswidrigkeit für ungültig erklärt hatte. Nach seiner Pensionierung erwarb er das ehemals Horneck'sche Anwesen in Ober-Ingelheim, Stiegelgasse 48, und ließ sich dort ab 1834 nieder. Das abrupte Ende seiner beruflichen Karriere bedeutete für ihn keinen Rückzug aus dem öffentlichen Leben. Sein Landtagsmandat und seine politische Arbeit nahmen ihn voll in Anspruch. Im Privatleben schätzte er das Gespräch und die gesellige Unterhaltung im Freundeskreis. Wie wir aus der Chronik der Ober-Ingelheimer Kasino-Gesellschaft (später Verein Haus Burggarten e. V.) erfahren, war eine Herrenrunde, der Dr. Mohr angehörte, schon einige Jahre lang regelmäßig in den Wintermonaten zum Gedankenaustausch zusammengetroffen, als man sich 1846 entschloss, Statuten für diese Gesellschaft zu entwerfen. Unter dem ersten Vorstand, bestehend aus Dr. Mohr, Dr. med. Thudichum und Philipp August Gebhard, wurden diese von den Mitgliedern angenommen und ordnungsgemäß durch das Großherzogliche Kreisamt in Bingen genehmigt. Weil die Gesellschaft verdächtig war, revolutionäre Elemente in sich zu beherbergen, war eine Mitgliedschaft für Beamte vorübergehend nicht opportun. So kam es, dass in den Jahren 1848/49 nur der "harte Kern" erhalten blieb, weil es zu einem politisch bedingten Mitgliederschwund gekommen war.
Dr. Martin Mohr war als Landtagsabgeordneter und erklärter Republikaner in die Wahlvorbereitungen für die Nationalversammlung eingebunden. Als Kandidat für das Paulskirchen-Parlament trat er kompromisslos für die Errichtung einer Republik auf friedlichem Wege ein. Das Zentralkommitee der Demokratischen Partei Rheinhessens, dem er angehörte, entsandte ihn in das Vorparlament nach Frankfurt. Als schließlich am 18. Mai 1848 die Nationalversammlung zusammentrat, war Dr. Mohr unter den gewählten Abgeordneten. Er schloss sich der links orientierten Donnersberg-Fraktion an. Nach dem Scheitern der Nationalversammlung in Frankfurt übersiedelte er mit dem Rumpfparlament nach Stuttgart und kehrte erst nach dessen Zersprengung in die Heimat zurück. Im Dezember 1849 wurde er unter Missachtung seiner Immunität verhaftet und des Hoch- und Landesverrats beschuldigt. Sein Prozess endete mit einem Freispruch. Das setzte ihn in die Lage, 1850 seine Tätigkeit als Mitglied des hessischen Landtags wieder aufzunehmen. Wegen des großen Ansehens und Vertrauens, das er bei den Abgeordneten genoss, wurde er bald darauf zum Landtagspräsidenten gewählt. Nach Beendigung seines Mandats konzentrierten sich seine Aktivitäten vorwiegend auf seinen Wohnort Ober-Ingelheim. Er war maßgeblich an der Gründung einer liberalen freireligiösen Gemeinde beteiligt, nahm regen Anteil an der Kommunalpolitik und hielt sein Haus stets offen für liberal-demokratisch gesinnte Freunde, mit denen er regen Gedankenaustausch pflegte. Dabei kam durchaus auch die Freude an unbeschwerter Geselligkeit zu ihrem Recht. In der Chronik der Kasino-Gesellschaft lesen wir über die Fünfzigerjahre: "Dem Bedürfnis nach Sommervergnügen wurde in dieser Zeit mehrere Jahre dadurch genügt, dass der pensionierte Kreisgerichts-Präsident Herr Dr. Martin Mohr in seinem Garten (...) eine ungedeckte Kegelbahn der Gesellschaft unentgeltlich zur Verfügung stellte." Im Mai 1865 verstarb er und wurde unter Anteilnahme der Bevölkerung und seiner politischen Mitstreiter auf dem Friedhof an der Burgkirche bestattet. Eine Straße und eine Schule, die seinen Namen tragen, sowie sein Grabdenkmal halten die Erinnerung an ihn wach.

Autorin: Margarete Köhler (entnommen dem Heft "2000 Jahre Ingelheim im Spiegel der Kunst - von den Römern bis zur Gegenwart")


Literatur:
Demokratische Partei Ingelheim (Hrsg): 1848/1948 Erinnerungsschrift zur Jahrhundertfeier der Demokratischen Erhebung und zur Gründung der Demokratischen Partei in Rheinhessen. Ingelheim 1948
Burger, A.: Präsident Mohr und sein Kampf. In: BIG 18, 1968, S. 38-41
Weirich, H.: Dr. Martin Mohr. In: Wegweiser für das kommunale, wirtschaftliche und kulturelle Leben in Ingelheim am Rhein. Ingelheim 1974, S. 25-26
Krome, J.: Die Revolution 1848/49. In: Mathy 1989, S. 415-449
Henn, K. H.: Vor 150 Jahren: "Ingelheim, freilich der radikalste Ort der Provinz". In: HJb 1999, S. 119-122
Henn 1995


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